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Stadtraum anders sehen

Hier sind wir zu Haus

 

Im Wedding haben mehr als die Hälfte der Menschen einen sogenannten Migrationshintergrund. Doch in der weißen Mehrheitsgesellschaft herrschen über Zugewanderte oft Klischees und Vorurteile vor. Zeynep Genis, Kujtim Krasniqi und Dua Karasu, die in Berlin aufgewachsen sind, wollen diese durch eigene Stadtführungen ändern. Auf ihrer 

Ghettostreber-Tour 

führen sie als Expert*innen des Alltags zu Orten in ihrem Kiez Gesundbrunnen. Die Stationen sind persönlich gewählt – und zeichnen ein Bild von Wedding, das komplexer ist, als es Außenstehende wahrhaben wollen.

O-Ton der 3 Stadtführer*innen

Zeynep Genis Gesundbrunnen-Center

Der Ort am Gesundbrunnen-Center, vor dem wir hier stehen, stellt nicht nur den Beginn unserer Stadtführung dar. Er hat sich seit seiner Entstehung von vor mehr als 20 Jahren bis heute zum Ort des Konsums entwickelt. Gleichzeitig gilt er auch als Dreh- und Angelpunkt des Ortsteils Gesundbrunnen. Was heutzutage für viele bloß ein Ort des Konsums ist, war früher mal ein Erholungsgebiet mit Heilbad- und Heilquelle. Darüber wissen aber die wenigsten der hier lebenden Menschen Bescheid. Bewegt man sich nämlich heute durch die Gegend am Gesundbrunnen- Center, findet man kaum etwas, was einen an diese Zeit erinnert. Nur der Name „Gesundbrunnen“ ist geblieben, der auf eine in der Nähe des heutigen Luisenbades entdeckte Quelle zurückgeht. Während sich die Menschen früher nach der Gegend im Gesundbrunnen als Bade- und Kurort sehnten, hörte man zu unserer Zeit nur Stimmen, die vom Wedding abrieten. Von Rechtspopulisten und Extremisten war man es gewohnt. Doch dieses Image vom Wedding als Ghetto, womit wir immer zu kämpfen hatten, setzte sich bis zur bürgerlichen Mitte der Gesellschaft durch. So warnte sogar ein Bundestagsabgeordneter einen unserer Stammtourgäste aus den USA vor dem Besuch des Weddings. Dieses Narrativ von der Gefahr des Wedding war und ist für uns nichts Neues. Wenn es um den Wedding geht, geht es fast immer auch um Kriminalität, Arbeitslosigkeit und Sozialhilfe. Komischerweise werden diese Punkte immer mit dem hohen “Ausländeranteil” im Wedding verbunden. Dabei leben im Ortsteil Gesundbrunnen ca. 96000 Menschen, von denen ungefähr über die Hälfte einen Migrationshintergrund haben. Endlose Diskussionen über Migranten, Ausländer oder Menschen mit Migrationshintergrund wurden geführt. Dabei war keinem so richtig klar, was all diese Begriffe eigentlich bedeuteten. Sie suggerierten aber eines ganz deutlich: Am Anfang waren wir die Ausländer, dann die Migranten und irgendwann die Menschen mit Migrationshintergrund. Dabei haben die allermeisten von uns überhaupt keine Migrationserfahrungen. Man suchte und sucht nach Begriffen, vielleicht auch unbewusst, die ausdrücken, dass man irgendwie nicht zur deutschen Mehrheitsgesellschaft gehört und anders ist. Paradoxerweise passiert dasselbe auch in unseren vermeintlichen Heimatländern. Dort sind wir nämlich die Deutschen, also die Ausländer und hier sind wir ebenfalls die Ausländer. Wir sind wie Vögel ohne Beine, wir können überall hinfliegen, aber nirgendwo landen. Und nein, ich möchte nicht wir oder ihr sagen, aber die Narrative der Vergangenheit und Gegenwart prägen einen bis heute und sind auch einfach manchmal notwendig, um unseren Tourgästen die Wirkung und Spuren dieser Betitelungen klarzumachen. Das Schicksal des Nichtdazugehörens teilten und teilen weiterhin sehr viele Weddinger, die im Ortsteil Gesundbrunnen leben. Man braucht sich nur die Emailadressen zu unserer Jugendzeit anzuschauen, überall findet man den Ausdruck „Wedding65“, der die alte Postleitzahl des Wedding darstellt. „Wedding 65“ war die einzige Bezeichnung, die wir uns damals selber gegeben haben. Damit hat man sich versucht, eine eigene Identität außerhalb der Fremdzuweisungen zu schaffen. Nicht jede Identitätskrise konnte aber so bewältigt werden. Das Gesundbrunnen Center ist für uns ein Ort, der Wedding65 am ehesten verkörpert und deshalb für uns nicht nur Ort des Konsums ist, sondern ein Stück Heimat.

Dua Karasu Diesterweg-Gymnasium

Wir stehen hier vor dem Diesterweg-Gymnasium, unserer ehemaligen Oberschule. An dieser Schule haben wir Abitur gemacht. So wie wir schafft auch fast jeder, der die Oberstufe hier besucht hat, das Abitur. Ca. 93 Prozent der Schülerschaft hier haben einen Migrationshintergrund. Angesichts der Tatsache, dass ca. die Hälfte der gemeldeten Personen im Wedding einen Migrationshintergrund haben, fragt man sich, warum sich diese Verhältnisse nicht am Diesterweg- Gymnasium widerspiegeln. Das heißt, dass genügend Eltern glauben, ihre Kinder wären für zentrale Abiturprüfungen ein paar Stationen weiter weg vom Gesundbrunnen besser gewappnet. An sich ist dieser Gegensatz kein Problem, nur entstehen so auf beiden Seiten Parallelgesellschaften und falsche Bilder über die deutsche Gesellschaft, die zu Angst und gegenseitiger Fremdheit führen. Das Diesterweg-Gymnasium ist eine der ersten Ganztagsschulen in Berlin Mitte. Das ist kein Zufall. Man hat richtigerweise erkannt, dass die meisten Schüler*innen auf dieser Schule keine Hilfe von ihren Eltern erwarten konnten, was mehr mit der sozialen Schicht der allermeisten Schüler*innen zu tun hat als mit ihrer Herkunft. Dabei war es bei unseren Eltern immer so, dass die Bildung wichtig war, gerade weil sie selbst aus verschiedensten Gründen nicht die Möglichkeit hatten, ihrerseits Bildung zu genießen. Das sorgte bei uns wiederum für Druck, denn wir mussten der Aufopferung unserer Eltern gerecht werden. Umso wichtiger ist es, die fehlendeschulische Unterstützung von zuhause durch die Ganztagsschule auszugleichen. So viele Nachteile die Schüler*innen am Diesterweg Gymnasium haben, bringen sie auch einen Vorteil mit sich: die Mehrsprachigkeit. Dieser Vorteil ist aber den meisten nicht bekannt. Im Gegenteil, von der Mehrheitsgesellschaft wird er als ein Problem gesehen. Dabei wird oft von doppelter Halbsprachigkeit gesprochen. Allein dieser Begriff unterstellt, dass wir weder Deutsch noch unsere Muttersprache ganz können. Wenn aber Eltern aus dem Prenzlauer Berg ihre Kinder in eine Kita mit französisch sprechenden Erziehern schicken, wird aus der doppelten Halbsprachigkeit eine bilinguale Erziehung. Für die Wertschätzung der Mehrsprachigkeit kommt es anscheinend auf die Sprache an sich an, denn einige Sprachen genießen Prestige und Ansehen und einige nicht. Dummerweise sprechen die allermeisten Schüler*innen am Diesterweg-Gymnasium Sprachen, die auf der Sprachhierarchie nicht ganz oben stehen. Wie oft haben wir den Satz gehört, wir sollen zuhause Deutsch sprechen. Und da stellte sich immer die Frage „mit wem?“ Wie gerne würden wir hören, dass es schön ist, dass wir mehrsprachig aufgewachsen sind. Aus der Mehrsprachigkeit hat sich die für uns sogenannte Brockensprache entwickelt. Dabei vermischt man die Muttersprachen mit der deutschen Sprache, so dass es immer noch alle Weddinger verstehen können. Wir existieren in mehreren Sprachen.

Kujtim Krasniqi NNW Stadion

Wir befinden uns an einem historischen Ort: Behmstraße, Ecke Jülicher Straße in Berlin-Gesundbrunnen. Da wo heute ein Blockbau mit grauer Kieselfassade steht, war einst ein Fußball-Stadion zu bestaunen. Dieses von den Berlinern als die Plumpe bezeichnete Stadion diente vor allem Hertha BSC als Heimspielstätte. Gleich auf der gegenüberliegenden Straßenseite befindet sich seit dem Ende des 19.Jahrhunderts ein weiterer, im Vergleich zur Plumpe unscheinbarer Fußballplatz. Der sogenannte NNW-Platz ist seit mehr als 100 Jahren Heimspielstätte eines der traditions- reichsten Fußballvereine Deutschlands, SV Norden-Nordwest 1898. Bei diesem Verein habe ich selbst ca. 8 Jahre gespielt. Wenn es nach den Freunden meines Vaters gegangen wäre, wäre ich dort niemals gelandet. Es sei gefährlich, sein Kind in so eine „Ausländermannschaft“ zu stecken, sagten ihm Menschen, die sich selbst als Ausländer sahen und von der Gesellschaft als Ausländer gesehen wurden. Immer wieder konnte man in den Medien von Schlägereien bei „Migranten-Vereinen“ lesen. Doch mein Vater war pragmatisch. Den NNW-Platz konnte man vom Küchenfenster unserer Wohnung aus sehen, so hatte man mich immer im Blick und der Sport an sich könne für meine Entwicklung nur gut sein. So kam ich in eine Mannschaft mit drei Mohammeds, die wir nur Momo nannten. Damit sie wussten, welcher von ihnen gemeint war, bekamen sie Zusatznamen, die von ihrem Aussehen herrührten: Momo-Fussel, Momo-Zahnstocher und Momo-Augenbraue. Neben ihnen gab es Menschen aus allen möglichen Ländern dieser Welt. Von außen betrachtet, ein homogener Haufen. Die Ausländer halt. Bei näherer Betrachtung eine Truppe, die heterogener nicht hätte sein können. Eins hatten wir jedoch gemeinsam. Wir fühlten uns benachteiligt, dauernd redete man schlecht von uns, erwartete Integration und Deutschkenntnisse auf höchstem Niveau und dauernd waren wir die Ausländer. Deswegen entwickelten wir eine nicht zu unterschätzende Wut gegenüber einem abstrakten System, welches wir Deutschland nannten. Der NNW-Platz war einer der wenigen Orte, an denen man das alles vergessen konnte, wo es nicht darauf ankam, woher man kommt oder wie man aussieht. Entscheidend war alleine, was du sportlich kannst. Wir konnten nicht viel, keiner von uns machte sich ernsthaft Hoffnung einmal Profifußballer zu werden. Es war der Spaß am Spiel und das Entkommen aus der Außenseiterrolle, was uns stundenlang auf dem NNW-Platz hielt. Entgegen allen Befürchtungen gab es nie größere Konflikte. Dass die Mannschaft damals größtenteils aus sogenannten Ausländern bestand, kann niemanden wundern. Dort wo die Plumpe stand, wurde in den 70er Jahren der Blockbau mit grauer Kieselfassade errichtet. Natürlich waren es die sogenannten Gastarbeiter, die dort hingezogen sind, schließlich war der Wedding schon immer ein Arbeiterbezirk und unseren Eltern blieb nichts anderes übrig. Der NNW-Platz war der Ort, wo die Herkunft keine Rolle spielte, gleichzeitig aber auch der Ort wo regelmäßig deutlich wurde, dass unsere Geschichte mit der vieler anderer Mannschaften nichts gemeinsam hatte. Jedes Wochenende prallten Kulturen aufeinander. Wir die Ausländermannschaft gegen die deutschen Mannschaften aus den restlichen Bezirken Berlins. Bei jedem Spiel war es dasselbe. Man war sich fremd, das Fremde war vermeintlich gefährlich und gehörte bekämpft. So dauerte es keine fünf Minuten auf dem Platz, bis es zu gegenseitigen, teilweise rassistischen Beleidigungen kam. Auf der einen Seite die „Kanaken“, auf der anderen die „Nazis“. Man spielte zwar gegeneinander, aber trotzdem irgendwie auch miteinander. Das führte – leider nach viel zu langer Zeit – dazu, dass man anfing zu verstehen, dass nicht Kanaken gegen Nazis spielten, sondern Menschen aus verschiedenen sozialen Schichten, die eigentlich doch einiges gemeinsam hatten. Diese Erkenntnis war später einiges Wert. Dafür werde ich dem NNW-Platz dankbar bleiben.